Leseproben
Erinnerungen an fast fünf Jahre Schloss
Buchcover |
Die Erinnerungen an fast fünf Jahre Schloss sind erschienen! Unter dem Titel "Du hast keine Chance - nutze sie" - Amüsante und pikante Erinnerungen an fünf Jahre Schlosshotel gibt es im Online-Shop |
Tassilos Geschichten
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Glossen
Weiße Weste
Wir Journalisten machen uns höchstens im übertragenen Sinn die Finger schmutzig. So können wir weiblichen Vertreter der schreibenden Zunft uns getrost öfter mal in Schale werfen. Auch helel Klamotten sind -- normalerweise -- kein Problem. So nutzte ich den gestrigen Spätsommertag, um vielleicht zum letzten Mal meine weißen Jeans und eine ebenso schneefarbene Weste auszuführen. Ortstermin im Schweinestall stand nicht an, und so blieb ich bis mittags guter Hoffnung, ebenso strahlend weiß nach Hause zu kommen. Denkste: Meine Kollegin eröffnete mir, dass auf einem Bauernhof (!) Ferkel zur Welt gekommen sind, was an sich noch nichts besonderes ist, aber die Schweinekinder waren halb vom
Haus- und halb vom Wildschwein -- ein Ereignis, das unbedingt entsprechende Würdigung in Wort und Bild erfahren musste.Zähneknirschend und mit gemischten Gefühlen machte ich mich auf den Weg. Den Hund, der mir durch den regenfeuchten Hof entgegensprang, wehrte ich mit einem bösen Blick ab; auch den Mischlings-Frischlingen, die drohend auf mich zudonnerten, konnte ich mit einem hastigen Sprung zur Seite ausweichen. Selbst, als die Minischweine begannen, wollüstig in der Erde zu wühlen und dabei große Dreckklumpen aufwirbelten, blieb meine Hose weiß. Mit hübschen Ferkelbildern in der Kamera und stolzgeschwellter Brust traf ich wieder in der Redaktion ein, überzeugte die bereits hämisch grinsenden Kollegen von meiner buchstäblich weißen Weste -- und kippte mir einen ordentlichen Schwung Multivitaminsaft drüber. Ab jetzt höre ich wieder auf die, die behaupten, mit weißen Klamotten wolle ich nur meine schwarze Seele tarnen, und trage wieder Dunkel. Macht eh schlank. Ui, es gab in meinem Leben mal eine Phase, in der ich gesteigerten Wert auf mein Outfit gelegt habe. Erstaunlich. Erschienen in der "Gelnhäuser Neue Zeitung" unter der Rubrik "Ulla Uhu" im Jahr 1993. |
Tag der TageWenn die Mütter jedes Jahr im Mai "ihren Tag" feiern, dann dürfen die Väter natürlich nicht hintanstehen. So haben die "Herren der Schöpfung" analog zum ohnehin umstrittenen, weil wesentlich auf Kommerz abgestimmten Muttertag flugs Christi Himmelfahrt zum "Vatertag" erklärt.Kind und Kegel bleiben morgen zuhause, derweil der "traditionsbewusste" Papi sich gehörig einen hinter die Binde kippen darf. An allen Ecken und Enden der Region werden zünftige Feten gefeiert, damit Daddy sich vom stressigen Vater-Dasein erholt. Allerdings ist die Anzahl der reinen Herrentouren in den letzten Jahren merklich zurückgegangen. Man(n) scheint sich doch wieder auf die Familie zu besinnen. Einschlägige Branchen aber haben die vermeintliche Marktlücke entdeckt und werben schamlos für Rasierwässerchen und Werkzeug als grandiose Geschenkidee zum "Vatertag". Was kommt als nächstes? Ein Kindertag? Oder gar 24 Stunden für Oma, Tante und den Hund? Ich für meinen Teil fordere einen Katzentag. Dann bekommen meine Samtpfötchen neue goldene Halsbänder und Sheba bis zum Abwinken. Ebenfalls eine "Ulla Uhu" aus der GNZ, 1993. Natürlich ziemlich männerfeindlich. Das habe ich abgelegt, oder? |
Reach for goldBüdingen trainiert für Olympia. Beste Chancen auf Edelmetall im Hundert-Meter-Sprint haben die Autofahrer. Schließlich messen sie sich seit Monaten mit einem scharfen Gegner im grünen Trikot. Besondere Kennzeichen: Block, Stift und strenger Blick.Schnell mal einen Kaffee trinken gegangen, kein Parkschein auf dem Armaturenbrett. Die Rache folgt auf dem Fuß. Lautlos schleicht sie heran, die Frau in Uniform, biegt unauffällig um die Ecke, wird aber dennoch entdeckt. Ein erschrockenes Raunen zieht durch das Lokal. Drei Anwärter auf olympisches Gold stürzen gleichzeitig zur Tür, ein Außenseiter wird zurückgedrängt. Jeder will der erste sein und die Münzen in den gierigen Schlund des Automaten werfen. Schnell zum Auto gehetzt und den Parkschein plaziert. Soll sie doch kommen. Schön, dass die Stadt Büdingen so an die sportliche Fitness ihrer Autofahrer denkt und dabei noch das Parkplatzproblem löst. Spielraum ist ja noch vorhanden. Einfach ein paar Schilder mehr aufstellen oder die Höchstpardauer auf zehn Mintuten begrenzen, und schon ist Platz. Genial, die da im Rathaus. 1995 trieb ich mich wieder in Büdingen herum; hier eine Glosse aus der "Steinlaus", meiner eigenen Zeitung. Die Beobachtungen stammen aus dem "Café Äquator" in der Vorstadt, dem ehrgeizigen Projekt meines damals noch zukünftigen Mannes. |
Lichtermeer"Käpt'n, setzen Sie zur Landung an, da unten ist die Startbahn West". Aber der Käpt'n kneift die Augen zusammen und stutzt. "Was ist das da am Ende? Das mit den Türmchen? Das sieht aus wie... das hab' ich doch schon mal... ist das nicht das Jerusalemer Tor? -- "Aber dann sind wir ja in Büdingen, Käpt'n".Nix mit Start- und Landebahn. Die ist nur für den Autofahrer gedacht. Naja, manche Zeitgenossen heizen ja auch im Tiefflug durch die Vorstadt. Sind die imposanten, leuchtenden Reihen deswegen angebracht worden? Höhnisch grinst das Katzenauge in der Schwärze der Nacht. Schließlich weiß es, dass es nur im Dunkeln gut zu sehen ist -- damit die Autos auch brav auf den vorgeschriebenen Parkplätzen stehen. Das Katzenauge glüht und glüht vor Vorfreude auf den nächsten Tag, wenn Sie oder im schmlimmsten Fall ich beim Einkaufsbummel drüberstolpern, sich die Zehn blutig schlagen oder gar auf das Kopsteinpflaster segelen. Womit wir schon wieder beim Thema wären. Wie war das mit der Landebahn? Die Büdinger verstehen es eben, Fortschritt und Tradition unter eine Kappe zu bekommen. Und so glänzt die Vorstadt in tausend Lichtern und hofft, dass doch irgendwann mal ein Flugobjekt landet. Dann wäre wenigstens mal was los. Erinnern Sie sich noch an die unsäglichen Stolperfallen, die der Magistrat 1995 in das Pflaster einließ? Die zweite und letzte Glosse aus der Steinlaus, dann wurde ich schwanger. Aber dazu gleich, dazwischen eine der zahllosen Episoden, die ich mit meinen Stubentigern erleben durfte... |
KatzenliebeGestern habe ich eine Maus aus den Klauen meiner boshaften Katze befreit. Vorgestern auch, aber da war's der Kater, der mir liebevoll ein halbtotes Nagetier in die Küche gelegt hatte. Eklig, sagen Sie? Die meinen es doch nur gut, die Katzen. Verhaltensforscher behaupten nämlich, dass unsere Hauskatzen, wenn sie nun mal kastriert sind, elterliche Gefühle und den Fütterdrang auf ihre "Dosenöffner", sprich auf uns Menschen übertragen. Wenn Ihnen die Katze also eine Maus bringt, loben Sie sie überschwänglich, nehmen das graue Tierchen vorsichtig hoch, tun Sie so, als wollten Sie es verspeisen -- und schmeißen Sie es hinterrücks in den Müll, um die Gefühle ihres Haustigers nicht zu verletzen. Wir halten uns an die Regeln und führen ein ausgesprochen harmonisches Familienleben.Aber manchmal, da treiben sie es einfach zu weit, die beide Samtpfötchen. Nichts ahnend schob ich mich jüngst mit einem Wäschekorb im Arm ins halbdunkle Schlafzimmer und trat auf etwas. Seltsam, dachte ich, das hat ja nachgegeben... Ich schaltete das Licht ein, erwartete möglicherweise eine achtlos auf den Boden geworfene Socke oder ähnliches, drehte mich um -- und schrie um mein Leben. Was sich da vor dem Futon bewegte, ja: bewegte! -- war eine Schlange. Ich rannte aus dem Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu und rief meinem Mann an. Der tröstete mich mit den Worten: "Blindschleichen sind harmlos". Na, danke. Hatten doch diese blöden Viehcher eines dieser ekelhaften Reptilien angeschleppt und vor unserem Bett drapiert. In meiner Not stülpte ich schließlich einen Papierkorb über das Monster, setzte mich davor, wartete auf Hilfe und wachte darüber, dass dieses Tier nicht etwa auch noch in unser Bett kroch. Wer weiß, was die Katzen als nächstes anschleppen -- einen Igel vielleicht oder eine Kröte, die dann auf den Badewannenrand hüpft und -- "Quak!" in die Schaumkronen springt? Jedenfalls bekommen wir so einen Überblick darüber, was bei uns im Garten alles so kreucht und fleucht... Aus der "Frankfurter Rundschau" im Jahr 1996. |
Haia? Nee!Es geschah ohne Warnung. Eines Tages befand mein Töchterchen Tabea, dass das Gitterbettchen ein Gefängnis sei, und stieg mit Hinweis auf die Genfer Konventionen aus. Das Drama nahm seinen Lauf. Fürderhin war der Zwerg weder mittags noch abends zum "Haiamachen" zu bewegen. Treu am Däumchen nuckelnd, mit rotgeränderten Augen steht die Kleine nun Abend für Abend im Wohnzimmer und verlangt lautstark abwechselnd nach "Oka" (Joghurt), "Gungi" (Gummibärchen) oder "Kauka" (Kakao), ohne auch nur die geringste Lust auf eine dieser Delikatessen zu verspüren. "Haia?" frage ich. "nee, nee" grinst sie und schüttelt ihr Lockenköpfchen, hälft sich dabei krampfhaft am Stuhl fest, um nicht vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Dann greift sie zur "Nanu" (Fernbedienung) und sucht sich im Fernsehen einen Zeichntrickfilm heraus, legt sich auf die Couch, klopft darauf, bestimmt: "Mama auch!" und bedeutet mir so, dass ich mich doch gefälligst zu ihr legen soll; ich hab' ja sonst nichts zu tun. Irgendwann, so gegen Mitternacht, ist sie dann glücklich eingeschlafen, und ich kann sie in ihr Bettchen tragen. Damit können wir alle leben. Sie denken, ich sei eine Rabenmutter? Sie haben recht. Dabei habe ich alles versucht. Habe sie zum zehnten Mal ins Bett getragen, bis mein Stehaufmännchen schon wieder am Treppenabsatz stand. Habe Märchen vorgelesen, mir die Seele aus dem Leib gesungen. Habe es ausdiskutiert. Dabei hat sie verständig genickt, bis es ernst wurde und sie tatsächlich in den Ferdekissen landete. "Haia -- nee! Mama, Tabi Maja ducke" (frei aus dem Tabeanischen: Ich will noch nichts ins Bett; komm, wir schauen uns einen Comic an). Ich bin macht- und ratlos. Wie bringe ich eine nicht mal Zweijährige zum Schlafen? Soll ich im Kinderzimmer einen Fernseher installieren? Soll ich auswandern? Übrigens: Ich hab' da noch so ein kleines Problem. Es heißt Tamara, ist knapp ein Jahr jünger und wird sich auch bald darauf besinnen, dass es kleinkinderunwürdig ist, hinter Gitterstäben gehalten zu werden. Wenn ich dann mitten in der Nacht ein "Plumps" vernehme und kleine Füßchen durchs Treppenhaus tapsen -- dann machen uns 'ne Flasche auf und feiern 'ne Party.Jaja, die lieben Kleinen... 1998 erschien die Glosse in der "Sunny", einer Wochenzeitung fürs Rhein-Main-Gebiet. Übrigens: Das mit dem Schlafen ist heute, fast zehn Jahre später, immer noch so, nur dass sich mein Töchterchen Tabea heute wesentlich gewählter ausdrückt. Und das mit dem Ausdiskutieren hätte ich ihr damals besser nicht beibringen sollen... Meine Befürchtungen in Richtung Tamara haben sich nicht bewahrheitet, sie schläft wie ein Murmeltier und hat sich wenigstens in der Beziehung kein Beispiel an ihrer großen Schwester genommen. Danach schrieb ich viele Jahre nicht, war von der Lokalredakteurin zur Lokalchefin mutiert, allerdings im wörtlichen Sinn: Vier Jahre lang versuchte ich es mit einer Dorfgaststätte, bis ich schließlich -- der Stammtischparolen vollkommen überdrüssig -- nach Gedern ging. Dort fiel mit immerhin viele Jahre später erst wieder ein, was ich sonst noch so konnte. |
Die HöllenmaschineFortschritt verlangt Flexibilität. Jahrzehntelang schon stecken wir vertrauensvoll unsere heilige Bankkarte in den Automaten und freuen uns, wenn die glattgestrichenen Scheinchen aus dem Schlitz schnellen, haben uns nach vielen Monden endlich die Geheimzahl eingeprägt und führen sie nicht mehr im gleichen Portemonnaie mit. Das haben wir trainiert, das sitzt. Doch uns Geschäftsleuten hat man eine weitere Schikane eingebaut: Bargeld streicht nicht mehr die freundliche Dame an der Kasse ein, die einem im Idealfall noch einen schönen Tag wünschte, sondern eine neue Höllenmaschine im Eingangsbereich. Zitternd stand ich beim ersten Mal davor, das Kundenkärtchen in der Linken, die zerknüllten, angstschweißfeuchten Scheine in der Rechten. Was tun? Aha, da stand es ja. Erst mal Kärtchen rein. Funktion auswählen. Bis jetzt alles ganz einfach. Doch dann: Mit einem kleinen Knacks sprang ein Fach auf, in das man die Euros legen soll -- ohne Büroklammern, ohne Umschlag, versteht sich. Zitternd strich ich meine Moneten glatt, ordnete sie nach Wert und Größe, schob das Geld vorsichtig hinein... würde die Falle jetzt zuschnappen? Der Schweiß rann mir in die Augen, und die Funktion "Klappe schließen" verschwamm. Irgendwie schaffte ich es dann doch, ein kurzes Rascheln, und die Euros waren gezählt und gutgeschrieben. Seitdem schicke ich meinen Mann. Oder hoffe, dass der Apparat wieder mal defekt ist. |
Wir Journalisten machen uns höchstens im übertragenen Sinn die Finger schmutzig. So können wir weiblichen Vertreter der schreibenden Zunft uns getrost öfter mal in Schale werfen. Auch helel Klamotten sind -- normalerweise -- kein Problem. So nutzte ich den gestrigen Spätsommertag, um vielleicht zum letzten Mal meine weißen Jeans und eine ebenso schneefarbene Weste auszuführen. Ortstermin im Schweinestall stand nicht an, und so blieb ich bis mittags guter Hoffnung, ebenso strahlend weiß nach Hause zu kommen. Denkste: Meine Kollegin eröffnete mir, dass auf einem Bauernhof (!) Ferkel zur Welt gekommen sind, was an sich noch nichts besonderes ist, aber die Schweinekinder waren halb vom
Haus- und halb vom Wildschwein -- ein Ereignis, das unbedingt entsprechende Würdigung in Wort und Bild erfahren musste.